„Verschärft“ – oder: innere Balance gesucht!

Erstaunt hörte ich letzte Woche auf einem Spaziergang meiner Freundin zu:
„Stell Dir vor: mein Mann ist derzeit völlig tiefenentspannt, er kommt mir direkt glücklich vor. Mir geht das fast auf die Nerven, denn ich falle gerade von einem Stimmungstief ins Nächste. Ist das nicht völlig schräg?“
Wir passieren einen Mann, der einen Hausschuh an einem Fuß und einen Turnschuh am anderen Fuß trägt.
Doch. Das alles ist völlig schräg und passt daher herrlich zur Situation.

Ich frage mich: verwandelt uns ein langer Ausnahmezustand in eine „schrillere Version“ von uns selbst?
Wirkt es auf unser Gehirn wie eine leichte Droge, die unsere typischen Charaktereigenheiten wie verstärkt?
Vielleicht weißt Du, was ich damit meine. Mein Großvater sagte zu meiner Mutter, dass er den potentiellen Schwiegersohn betrunken machen wolle, um zu sehen, was dann  „Wesentliches“ in dem Kerl  zum Vorschein kommen würde. Diejenigen, die von Haus aus eher schwermütig sind  werden nach 3 Gläsern Wein rührselig, während die Sonnenkinder auf den Tischen Polka tanzen und ihre Socken in die Menge werfen.

Und ich ahne, dass Du lieber Leser, nun an genau derselben Stelle stutzt, wie ich.
Jeder von uns trägt einen Blumenstrauß an Charaktereigenschaften mit sich rum. Die, die wir ganz gut an uns leiden können und diejenigen, die wir am Liebsten knebeln würden, um sie in den stickigen Keller zu sperren, damit möglichst niemand sie bemerkt (Was nie gelingt, soviel kann ich schon mal verraten. Aber das ist eine andere Geschichte).

Woher bitteschön weiß diese Krise denn, welche unserer Eigenschaften sie ans Tageslicht zerren und in uns so vergrößern möchte, dass unsere anderen Eigenarten ganz in den Hintergrund gedrängt werden?
Wieso wird Helmut derzeit depressiv, während Gerda nebenan im Wutanfall das Geschirr zerdeppert und Hanspeter plötzlich summend Blümchen pflückt, während er mit unterschiedlichen Schuhen spazieren geht?

Grundstock ist natürlich die Neigung. Helmut ist wahrscheinlich grundsätzlich eher der schwermütige Typ, während Gerda eine aufbrausende Natur hat und Hanspeter war wahrscheinlich schon immer mit einem Sonnengemüt gesegnet. Und – das haben wir jetzt auch verstanden :  Krisen sind sozusagen wie ein innerer „Laustärkeregler“ für diese typischen Gemütszustände und Eigenschaften und „verzerren“ sie manchmal bis zur schrillen Unkenntlichkeit.
Und die Auswahl, die ist keiner inneren Lotterie zu verdanken, sondern wird durch das Umfeld und die Situation buchstäblich „angetriggert“.
Gerda zum Beispiel ist andererseits auch eine unglaublich aktive, kreative lebenslustige Hummel. Doch hat sie derzeit Home-Office, zudem ihre Kinder in Betreuung und kann weder ihrem geliebten Hobby nachgehen, noch ist ein Treffen mit ihren Freundinnen möglich. Kaum ein Wunder, dass sie da schon mal „aus der Haut fahren möchte“ und hier ihre impulsive Seite in den Vordergrund rückt.

Welche unserer Seiten also „schrill“ wird bestimmt unsere ganz persönliche „Krisensituation“.  Von Natur aus schwermütige Pflänzchen, die zudem jetzt auch noch ständig alleine zu Hause sitzen, werden verständlicherweise depressiv. Und die Sonnenkinder machen das, was sie immer machen: das Beste draus. Und ziehen sich vielleicht einmal mehr die rosarote Brille auf, sodass manch andere denkt: „jetzt dreht er völlig durch“.

Und eine Sache, die uns jetzt alle mehr umgibt denn je, dürfen wir als „Schrillversionstrigger“ auch nicht außer Acht lassen: das Internet und unsere „digitale Identität“.
Spielernaturen werden vielleicht verstärkt zu „Tomb Raider“, „Mr. Universum“ & Co. und finden schlechter in die reale Realität zurück, weil die derzeit irgendwie nicht mehr richtig existiert.
Da ist sooooo verständlich, dass man sich mit den 473 virtuellen Followern am Liebsten einschließen möchte (tut man ja auch), sich seine Welt im Netz bastelt und endlich mal alles Heldenhafte sein darf, was so in einem schlummert.
Oder vielleicht ein-einziges Mal auf einem Flirtprofil Casanova sein, obwohl man im realen Leben Friedhelm heißt, eine Plauze hat und unter Schuppenflechte leidet. Eine  verordnete Langeweile scheint DIE Gelegenheit –  wen könnte das nicht verführen?!

Und wisst Ihr was? Das ist alles so verständlich und darf jetzt einfach auch alles sein.
Solange es nicht dauerhaft schräg bleibt.
Solange irgendwo in unserem Hinterkopf ein kleiner Aufpasser sitzt, der uns daran erinnert, dass wir uns keinesfalls in irgendwelchen schrillen Versionen verlieren sollten, um alles andere, was uns und unser Leben so ausmacht, zu vergessen. Dann droht es Scherben zu geben, die bis in die Zeit nach Corona klimpern.

Und immer wenn´s wieder ein bisschen schräg wird könnte der uns außerdem erinnern, dass wir aus noch viel mehr inneren Seiten, Fähigkeiten und Potential bestehen. Diese Seiten in uns sind jetzt alle nur ein bisschen versteckt und warten nur drauf, wieder abgestaubt zu werden…

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